Schulfenster 8:
Von der Bühne in den Beruf
„Ich habe eigentlich gar keinen Traumberuf“, sagt Jannis. Der Achtklässler weiß, wie viele seiner Klassenkameraden, noch nicht was er nach der Schule machen will. Heute nimmt er gemeinsam mit dreizehn anderen Schülerinnen und Schülern einer Duisburger Gesamtschule an einem Theaterworkshop zur Berufsorientierung teil.
Die Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) in Wuppertal führt seit 2007 diese Theaterworkshops durch. In diesen Seminaren helfen Theaterpädagogen Schülerinnen und Schüler an nordrhein-westfälischen Schulen bei der Berufsorientierung. Sie sind Teil der Initiative "Zukunft fördern. Vertiefte Berufsorientierung gestalten" .
|
 |
„Stell dir vor, du wärst ein Gott und könntest alles machen, was du willst. Was würdest du jetzt gerade am liebsten machen?“, fragt die Theaterpädagogin Petra Lemke Jannis am Morgen des ersten Seminartages. Diese Antwort fällt dem 14-Jährigen leicht: „Porsche fahren. Wenn ich machen könnte, was ich will, würde ich den ganzen Tag Porsche fahren.“
Jannis steht auf dem Weg zu seinem Traumberuf noch ganz am Anfang. Bevor es ans Theaterspielen geht, versucht die Pädagogin Lemke deswegen zuerst mit den Schülerinnen und Schülern ihre Stärken, Schwächen und persönlichen Wünsche zu erarbeiten.
|
Bei Jannis’ Antwort muss die Theaterpädagogin schmunzeln. Aber nur kurz, denn das Wichtigste ist, dass die Jugendlichen in ihren Wünschen und Ängsten ernst genommen werden. Auch und gerade, was die Berufsorientierung angeht. „Dann ist es dir also wichtig, dass du dir später im Leben einen Porsche leisten kannst und finanziell unabhängig bist“, stellt sie fest. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Berufswahl: Die Schülerinnen und Schüler sollen sich darüber klar werden, was ihnen für ihr späteres Leben wichtig ist. Das so genannte „Götterbild“ ist einer der pädagogischen Kniffe auf dem Weg dorthin.
|
Die Theaterpädagogen arbeiten mit dem Konzept „Auftritt Beruf!“, einem von der RAA entwickelten Training zur Berufsorientierung. Das Thema Berufswahl wird in diesem Konzept sowohl gesellschafts- und wirtschaftspolitisch, als auch unter dem persönlichen Aspekt betrachtet. „Denn jede Schülerin und jeder Schüler verbindet mit dem Thema Berufswahl eigene Ängste und Hoffnungen, auf die wir individuell eingehen müssen“, sagt Lemke.
|
 |
 |
Bei Jannis Mitschülerin Alena ist das Druck in der Familie. „Meine Eltern wollen, dass ich Jura studiere oder Ärztin werde. Anwältin geht ja noch, aber Ärztin… nee“, sagt die 14-Jährige und verzieht das Gesicht. Sie selbst will unbedingt Schauspielerin werden. So weit wäre Jannis auch gerne mit seinen Zukunftsplänen. Aber Porschefahrer ist in Deutschland kein anerkannter Beruf. Laut überlegt er weiter: „Noch besser wäre, ich hätte mein eigenes Auto, so wie ich es haben will.“ Über Autotuning weiß der Jugendliche einiges. Darüber, dass er als Konstrukteur damit vielleicht einmal sein Geld verdienen könnte, hat er aber noch nie nachgedacht. Für diesen Vorschlag der Theaterpädagogin ist er Feuer und Flamme: „Dann studiere ich das“.
|
 |
Nun muss Lemke den angehenden Konstrukteur bremsen. Um den Jugendlichen klar zu machen, was ein Konstrukteur macht und können muss, teilt sie den freien Raum vor der Schulbühne in verschiedene Bereiche ein. Jeder Bereich symbolisiert eine Berufsgruppe. Es gibt den sozialen, den kaufmännischen, den künstlerischen und viele weitere Bereiche. Nun muss Jannis sich entscheiden, in welchem Bereich er einmal arbeiten möchte und kann sofort den ersten Schritt dorthin machen. Er stellt sich in den technischen Bereich und ist dort nicht allein. Gemeinsam mit zweien seiner Mitschüler, die sich ebenfalls für diesen Berufsbereich interessieren, überlegt er, welche Fähigkeiten sie für einen technischen Beruf benötigen und wie sie diese in einem Standbild auf der Bühne umsetzen können.
|
|
Die sozialen Kompetenzen sind ein weiterer Punkt, den Lemke mit den Jugendlichen bearbeitet. „Sich zum Beispiel im Gespräch in die Augen zu sehen, ist für die meisten Schülerinnen und Schüler alles andere als selbstverständlich“, sagt Lemke. Sie betont, dass Jannis und die anderen durch eine gerade Haltung und offene Gesten viel mehr Selbstbewusstsein und Freundlichkeit ausstrahlen könnten.
|
 |
 |
 |
 |
Dies seien grundlegende Eigenschaften im Umgang mit anderen, die sie später nicht nur in einem Bewerbungsgespräch einsetzen könnten. Vor allem den Jungen in der Runde scheint das schwer zu fallen. Das normale Verhalten männlicher Jugendlicher ist normalerweise von Aggression und Coolness geprägt. Das können sie in einer ernsthaften Situation wie einem Bewerbungsgespräch dann oft nur schwer abstellen.
Damit hat Jannis kein Problem. Er ist eher zu schüchtern als zu vorlaut. Sein Mitschüler Kalil dagegen wirbelt die Gruppe ganz schön auf und unterbricht immer wieder die Übungen. Im Theaterworkshop soll er lernen, sich zu konzentrieren und mit der nötigen Ernsthaftigkeit an das Thema Berufswahl heranzugehen. Gerade an Jungen wie ihn richtet sich der Theaterworkshop. Schülerinnen und Schüler, die aufgrund einer sozialen Situation einen besonderen Förderbedarf haben und deswegen auch in der Berufsorientierung vor besonderen Herausforderungen stehen, werden bevorzugt berücksichtigt. Aber auch Schülerinnen und Schüler wie Jannis, die aus anderen Gründen noch keine Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft haben, profitieren von den Workshops: Jannis hat sich vorgenommen, sich zu Hause weiter zu informieren, wie er Konstrukteur werden kann.
|
|
Bevor es soweit ist wartet aber noch der Höhepunkt des zweitägigen Theaterworkshops auf die Gruppe: Gemeinsam mit den anderen soll Jannis zum Abschluss den ersten Tag eines neuen Auszubildenden in seinem Betrieb auf der Bühne spielen. Schüchtern stellt er sich seinem „Chef“ alias Mitschüler Lars vor. Dann muss sich Jannis vor seinen neuen Kollegen behaupten. Insgesamt ein ziemlich trauriges Bild die so genannte „Realsituation“ wie sie sich die Jugendlichen vorstellen. „Das sagt viel über ihre Ängste und Probleme in Bezug auf die Berufswahl aus“, sagt Theaterpädagogin Lemke, „Diese versuchen wir dann im nächsten Schritt mit der Darstellung einer Idealsituation anzugehen.“ Die Schülerinnen und Schüler spielen die Szene also noch einmal, aber dieses Mal so, wie es sein sollte: Jannis als ein selbstbewusster junger Mann, der einen Ausbildungsplatz in seinem Traumberuf gefunden hat und sich am ersten Tag voller Zuversicht seinen neuen Kollegen vorstellt.
|
 |
 |
Mit "Zukunft fördern. Vertiefte Berufsorientierung gestalten“ unterstützen die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, das Ministerium für Schule und Weiterbildung und das Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen Schulen bei der individuellen Berufsorientierung ihrer Schülerinnen und Schüler. Die Initiative richtet sich an alle allgemeinbildende, weiterführende Schulen in Nordrhein-Westfalen. Die Schulen können aus insgesamt 10 Modulen zur Berufswahlorientierung unter anderem das Modul „Theaterpädagogisches Berufswahltraining Auftritt: Beruf“ wählen. Dieses wurde von den Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwanderfamilien (RAA) im Auftrag der Stiftung Partner für Schule NRW bislang bereits an 51 Schulen erfolgreich durchgeführt.
- Die Hauptstelle der RAA NRW bietet im Rahmen des Projekts „Zukunft fördern. Vertiefte Berufsorientierung gestalten“, gemeinsam getragen von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, der nordrhein-westfälischen Ministerien für Schule und Weiterbildung, für Generationen, Familie, Frauen und Integration und der Stiftung Partner für Schule NRW, unter anderem das Modul „Auftritt: Beruf!“ an. Es kann von Haupt-, Förder- und Gesamtschulen in NRW im Rahmen von „Zukunft fördern.“ gebucht werden. Es ist von der RAA als ein theaterpädagogisches Training für Jugendliche, die sich im Berufswahlprozess befinden, entwickelt worden. Zielgruppe sind Schülerinnen und Schüler der Klassen acht bis zehn der weiterführenden Schulen.
|
|